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Älter werden – wohnen bleiben! Welche Angebote gibt es im Quartier?

Der demografische Wandel stellt nicht nur Deutschland vor neue Herausforderungen. Doch auch auf kommunaler Ebene sind Veränderungen spürbar: Wenn im Alter die Mobilität abnimmt, gewinnt das vertraute Viertel, der Stadtteil oder das Quartier zunehmend an Bedeutung. In der Reihe „Wohnzimmergespräche“ beleuchtet Liberto Balaguer mit seinen Gästen die zentrale Rolle der Kommunen.

Zu Beginn der Gesprächsrunde skizzierte Moderator Liberto Balaguer das Gesprächsthema und formulierte exemplarische Fragen: „Was ist eine alters- und altengerechte Quartiersentwicklung?“, „Welche konkreten Entwicklungen gibt es in Königsborn?“, „Von welchen Angeboten im Quartier können Seniorinnen und Senioren, aber auch andere Altersgruppen, profitieren?“ Balaguer forderte das Publikum dazu auf, sich einzumischen und eigene Fragen an die Gäste zu formulieren: „Damit ältere Menschen auch bei Unterstützungsbedarf weiterhin selbstbestimmt leben und am sozialen Miteinander teilhaben können, bedarf es Maßnahmen und Projekte zur sozialen Integration, Sicherheit, Versorgung und Pflege. Die alters- und altengerechte Quartiersgestaltung ist dabei ein Schlüsselbegriff, den wir uns an diesem Abend aus verschiedenen Richtungen nähern möchten. Wir freuen uns, wenn auch Sie Ihre Perspektive einbringen und Handlungsbedarfe aufzeigen.“

Eingeladen waren zwei Gesprächspartner, die unter reger Beteiligung des Publikums unterschiedliche Schwerpunkte beleuchteten. Für eine musikalische Unterhaltung sorgte Felix Bous von der Yamaha Music School Unna am Klavier.

Erste Gesprächspartnerin war Linda Brümmer, Quartiersentwicklerin „Altengerechte Quartiere NRW“ der Kreisstadt Unna. Balaguer: „Sie arbeiten in der Gartenvorstadt und im Quartier Königsborn Süd-Ost. Ich weiß, dass hier im Quartier überdurchschnittlich viele ältere Menschen wohnen. Was genau ist eine altengerechte Quartiersentwicklung?“ Linda Brümmer erläuterte: „Eine altengerechte Quartiersentwicklung richtet sich nach den Bedürfnissen der älteren Menschen und umfasst dabei die vier Bereiche: Wohnen, Versorgung, sich einbringen und in Gemeinschaft leben. Die Entwicklung von Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen spielt dabei eine entscheidende Rolle.“ Balaguer hakte nach und bat um ein Beispiel aus der Praxis. „Beispielsweise ist uns sehr wichtig, dass wir Voraussetzungen für einen möglichst langen Verbleib in den eigenen vier Wänden bzw. in der vertrauten Umgebung schaffen“, antwortete Frau Brümmer. „Und gibt es eine untere Altersgrenze für Seniorinnen und Senioren, die Ihre Unterstützung in Anspruch nehmen können?“, möchte Balaguer wissen. „Ganz so streng sind wir da nicht“, sagte Frau Brümmer schmunzelnd. „Wir möchten vorwiegend Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren mit unseren Angeboten ansprechen, aber natürlich können uns auch jüngere Menschen besuchen“, ergänzte sie.

Liberto Balaguer wollte gerne mehr über die Motivation für die Beschäftigung mit dem Thema erfahren: Ihre Tätigkeit bei der Stadt Unna hat im Februar dieses Jahres begonnen. Wie kommt eine junge Frau dazu, sich in ihrer Arbeit mit älteren Menschen zu beschäftigen?“, erkundigte er sich. „Das Thema Älterwerden hat mich schon lange interessiert. Schon während der Abiturzeit habe ich mich häufig gefragt, wieso sich viele Menschen über das Älterwerden beschweren bzw. warum viele Menschen damit etwas Negatives assoziieren. Jeder möchte älter werden, aber keiner will alt sein! Älter werden ist doch etwas Positives geben!“ „Das Positive im Alter? Da haben Sie mich noch nicht morgens aufstehen gesehen. Altern ist nichts für Feiglinge“, warf Balaguer lachend ein. Auch das Publikum war amüsiert.

Der Quartiersmanager wurde neugierig auf den beruflichen Hintergrund von Linda Brümmer und aus welchen Gründen sie nach Unna gekommen ist. „Nach meinem Abitur habe ich meinen Bachelor in Gerontologie, der Wissenschaft des Alterns, in Vechta absolviert. Danach hat es mich für den Master nach Dortmund verschlagen. Da ich ursprünglich aus Lingen komme, habe ich mich in Unna mit einer vergleichsweise ähnlichen Einwohnerzahl heimischer gefühlt als in der Großstadt Dortmund. Bis voraussichtlich August 2020 werde ich in Unna Königsborn Süd-Ost und in der Gartenvorstadt tätig sein. Im Rahmen des Projektes „Altersgerechte Quartiere in NRW“ möchten wir in Königsborn einen Überblick über die Angebote für Senioren schaffen und dabei auch die vorhandenen Strukturen für ältere Menschen verbessern“, führte Brümmer aus. Balaguer: „Und sind schon viele ältere Menschen auf Sie zugekommen?“ „Ja, mittlerweile hat es sich rumgesprochen, dass wir hier gezielt für die ältere Bevölkerung etwas tun. Wahrscheinlich haben auch unsere Freizeitangebote, die speziell auf Seniorinnen und Senioren zugeschnitten sind, einen Teil dazu beigetragen“, schilderte Linda Brümmer. Balaguer: „Um welche Angebote handelt es sich dabei und werden dabei ausschließlich ältere Menschen angesprochen?“ „Die Angebote betreffen allgemein die Themen Gesundheit, Sport und den Dialog der Generationen. Gemeinsam mit dem Falken Kinderclub bieten wir den Senioren-Kinder-Treff „Zwischen den Generationen!“ an: An einem Nachmittag im Monat verbringen Senioren und Kinder von 6 bis 13 Jahren gemeinsame Zeit, in der sie u. a. singen, spielen, kochen und basteln. In der Ferienzeit haben wir uns zum Beispiel Feriengeschichten von früher und heute erzählt“, führte Frau Brümmer aus. „Man kann sich jedoch auch sportlich betätigen, zum Beispiel bei „Fit für den Alltag – Bewegt durch Königsborn!“ in Kooperation mit dem Kneipp-Verein Unna e. V. Dabei handelt es sich um gemeinsame Spaziergänge durch den Kurpark, bei denen ergänzende Übungen gezeigt werden, um körperlich mobil zu bleiben“, ergänzte die Quartiersentwicklerin. Neben der Freizeitgestaltung ist auch natürlich auch barrierefreies Wohnen für ältere Menschen relevant. Quartiersmanager Balaguer erkundigte sich nach der Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft. Es bestehen regelmäßige Kontakte mit der UKBS und der LEG. „Allerdings“, merkte Linda Brümmer an, „kann nicht in jedem Gebäude mit vertretbarem Aufwand barrierefrei umgebaut werden. Hier ist auch der Neubau gefragt.“

Ein solcher Neubau ist das Bauvorhaben „Parkquartier Königsborn“. Neben barrierefreien Wohnungen soll hier ein Begegnungscafé eröffnet werden. „Dieses Café kann in Zukunft ein wichtiger Anlaufpunkt im Quartier für alle Generationen sein. Der persönliche Austausch ist dabei besonders für Senioren wichtig. Im dem Betrieb sollen auch Menschen mit Behinderung arbeiten. Das kann ein wichtiger Baustein für die gesellschaftliche Integration sein“, erläuterte Quartiersentwicklerin Brümmer.

Nach einem musikalischen Intermezzo von Musiklehrer Felix Bous bat Liberto Balaguer seine zweite Gesprächspartnerin Michaela Labudda zu sich. Labudda ist Gemeindereferentin der Pfarrerei St. Katharina in Unna und Leiterin des Projektes „Zeit schenken – Gemeinsam gegen Einsamkeit“.

„Im Vorfeld der Wohnzimmergespräche, haben Sie mir gesagt, dass Sie Zeit schenken. Was genau meinen Sie damit und was hat das mit Ihrem Projekt zu tun?“, erkundigte sich Balaguer. „Mit unserem Projekt möchten wir Angehörige entlasten und den Senioren unterstützen. Es geht dabei darum, dass Ehrenamtliche sich für eine oder zwei Stunden regelmäßig mit älteren Menschen treffen, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Aber es müssen nicht unbedingt Unternehmungen sein. Auch die Begleitung zum Friseur oder einfach ein offenes Ohr können manchmal schon Wunder bewirken!“, führte Michaela Labudda aus. „Also kann man durchaus sagen, dass es für beide ein Zugewinn ist?“, hakte Balaguer nach. „Ja, genau!“, bekräfigte die Gesprächspartnerin: „Eigentlich schenken sich beide eine Stunde Zeit. Uns ist es wichtig, dass zu Hause sein nicht bedeutet, keine Kontakte zu haben, sondern dass man auch im Alter vital am Leben teilhaben kann. Wir vermitteln Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, mit Senioren, die sich über Unterstützung und Begleitung freuen.“ Balaguer: „Sie übernehmen also eine Brückenfunktion?“ Labudda entgegnete, dass die Brückenbauerfunktion Aufgabe der gesamten Projektgemeinschaft ist: „Es handelt sich bei unserem Projekt um ein neues Angebot in Königsborn, das die katholische Kirche gemeinsam mit den Quartiersmanagern, dem Seniorenbeauftragten Robin Rengers, der Quartiersentwicklerin und der evangelischen Kirchengemeinde ins Leben gerufen hat. Unterstützt wird das Projekt durch das Erzbistum Paderborn und der Stiftung der katholischen Kirchengemeinde. Wichtig sind für uns auch Netzwerkpartner, die z. B. durch die Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit einen wichtigen Beitrag zum Projekt leisten“, führte Labudda weiter aus.

Aus dem Publikum zeigte sich eine Zuhörerin interessiert: Muss man für die Teilnahme an dem Projekt Vorerfahrungen haben, wenn man sich engagieren möchte?“ Labudda verneinte und erklärte: „Wir organisieren für alle Interessierten eine Schulung, in der sie wesentliche Dinge, wie z. B. den Umgang mit Altersdepression und das Thema „persönliche Grenzen ziehen“ erlernen. Wir fühlen uns für die Beteiligten verantwortlich und deshalb ist es wichtig, Ehrenamtliche zu qualifizieren, damit sie sich sicher fühlen bzw. auch mit unerwarteten Situationen besser umgehen können.“

„Hier zeigt sich, welche Herausforderungen, aber besonders welche Chancen damit verbunden sind, Königsborn alters- und altengerecht zu gestalten“, schloss Balaguer den unterhaltsamen, aber auch diskussionsfreudigen Abend aus der Reihe der Wohnzimmergespräche.