Der demografische Wandel stellt nicht nur Deutschland vor neue Herausforderungen. Doch auch auf kommunaler Ebene sind Veränderungen spürbar: Wenn im Alter die Mobilität abnimmt, gewinnt das vertraute Viertel, der Stadtteil oder das Quartier zunehmend an Bedeutung. In der Reihe „Wohnzimmergespräche“ beleuchtet Liberto Balaguer mit seinen Gästen die zentrale Rolle der Kommunen.
„Was ist eine alters- und alten-gerechte Quartiersentwicklung?“, „Welche konkreten Entwicklungen gibt es in Königsborn?“, „Von welchen Angeboten im Quartier können Seniorinnen und Senioren, aber auch andere Altersgruppen, profitieren?“ Zu Beginn der Gesprächsrunde skizzierte Moderator Liberto Balaguer das Gesprächsthema anhand dieser exemplarischen Fragen und forderte das Publikum auch gleich dazu auf, sich einzumischen und eigene Fragen an die Gäste zu formulieren. Eingeladen waren zwei Gesprächspartnerinnen, die unterschiedliche Schwerpunkte beleuchteten.
Erste Gesprächspartnerin war Linda Brümmer, Quartiersentwicklerin „Altengerechte Quartiere NRW“ der Kreisstadt Unna. Balaguer: „Sie arbeiten in der Gartenvorstadt und im Quartier Königsborn Süd-Ost. Ich weiß, dass hier im Quartier überdurchschnittlich viele ältere Menschen wohnen. Was genau ist eine altengerechte Quartiersentwicklung?“ Linda Brümmer erläuterte: „Eine altengerechte Quartiersentwicklung richtet sich nach den Bedürfnissen der älteren Menschen und umfasst dabei die vier Bereiche: Wohnen, Versorgung, sich einbringen und in Gemeinschaft leben. Die Entwicklung von Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen spielt dabei eine entscheidende Rolle.“ Balaguer hakte nach und bat um ein Beispiel aus der Praxis. „Beispielsweise ist uns sehr wichtig, dass wir Voraussetzungen für einen möglichst langen Verbleib in den eigenen vier Wänden bzw. in der vertrauten Umgebung schaffen“.
Ob es dabei eine Altersgrenze für Seniorinnen und Senioren gebe, wollte Balaguer wissen. „Ganz so streng sind wir da nicht“, sagte Frau Brümmer schmunzelnd. „Wir möchten vorwiegend Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren mit unseren Angeboten ansprechen, aber natürlich können uns auch jüngere Menschen besuchen.“
„Ihre Tätigkeit bei der Stadt Unna hat im Februar dieses Jahres begonnen. Wie kommt eine junge Frau dazu, sich in ihrer Arbeit mit älteren Menschen zu beschäftigen?“, erkundigte sich Balaguer nach der persönlichen Motivation für die Beschäftigung mit dem Thema. Brümmer: „Das Thema Älterwerden hat mich schon lange interessiert – schon während der Abiturzeit. Dort ging es besonders um gesundheitliche Aspekte im Alter, wodurch oft ein eher negatives Bild vom Alter vermittelt wurde. Durch meine Großeltern und Senioren in meinem Umfeld wurde ich aber immer wieder daran erinnert, wie schön auch das Alter sein kann und dass man dem Alter auch positiv begegnen kann.“ „Da haben Sie mich aber noch nicht morgens aufstehen sehen, Frau Brümmer! Altern ist nichts für Feiglinge“, warf Balaguer augenzwinkernd ein. Auch das Publikum war amüsiert. Linda Brümmer weiter: „Nach meinem Abitur habe ich meinen Bachelor in Gerontologie, der Wissenschaft des Alterns, in Vechta absolviert. Danach hat es mich für den Master nach Dortmund verschlagen. Da ich ursprünglich aus Lingen komme, habe ich mich in Unna mit einer vergleichsweise ähnlichen Einwohnerzahl heimischer gefühlt als in der Großstadt Dortmund. Bis voraussichtlich August 2020 werde ich in Unna Königsborn Süd-Ost und in der Gartenvorstadt tätig sein“, führte Brümmer aus.
Balaguer: „Und sind schon viele ältere Menschen auf Sie zugekommen?“ „Ja, mittlerweile hat es sich rumgesprochen, dass wir hier gezielt für die ältere Bevölkerung etwas tun.
Mit dem Projekt Altengerechte Quartiere in NRW möchten wir in Königsborn einen Überblick über die Angebote für Senioren schaffen und dabei auch die vorhandenen Strukturen für ältere Menschen verbessern“, schilderte Linda Brümmer. „Die Angebote betreffen allgemein die Themen Gesundheit, Sport und den Dialog der Generationen. Gemeinsam mit dem Falken Kinderclub bieten wir den Senioren-Kinder-Treff „Zwischen den Generationen!“ an: An einem Nachmittag im Monat verbringen Senioren und Kinder von 6 bis 13 Jahren gemeinsame Zeit, in der sie u. a. singen, spielen, kochen und basteln. In der Ferienzeit haben wir uns zum Beispiel Feriengeschichten von früher und heute erzählt.“
Linda Brümmer sprach auch über das neue Angebot „Fit für den Alltag – Bewegt durch Königsborn!“ in Kooperation mit dem Kneipp-Verein Unna e. V. – dabei handelt es sich um gemeinsame Spaziergänge durch den Kurpark, bei denen ergänzende Übungen gezeigt werden, um körperlich mobil zu bleiben. Zusätzlich zu den neuen Freizeitangeboten sprach Brümmer auch über das Thema des barrierefreien Wohnens. Hier erkundigte sich der Quartiersmanager Balaguer nach der Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft. Es bestünden bereits regelmäßige Kontakte mit der UKBS und der LEG. „Allerdings“, merkte Linda Brümmer an, „kann nicht in jedem Gebäude mit vertretbarem Aufwand barrierefrei umgebaut werden. Hier ist auch der Neubau gefragt.“
Brümmer zielte damit auf das bekannte Bauvorhaben „Parkquartier Königsborn“ an der Berliner Allee.
Zwischen den Gesprächen an diesem Abend sorgte Felix Bous von der Yamaha Music School Unna am Klavier für ein musikalisches Intermezzo.
Zweite Gesprächspartnerin war Michaela Labudda. Labudda ist Gemeindereferentin der Pfarrerei St. Katharina in Unna und Leiterin des Projektes Gemeinsam gegen Einsamkeit.
„Im Vorfeld der Wohnzimmergespräche, haben Sie mir gesagt, dass Sie Zeit schenken. Was genau meinen Sie damit?“, erkundigte sich Balaguer gleich zu Beginn. „Es geht dabei darum, dass Ehrenamtliche sich für eine oder zwei Stunden regelmäßig mit älteren Menschen treffen, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Es müssen nicht unbedingt Unternehmungen sein. Auch die Begleitung zum Friseur oder ein offenes Ohr können manchmal schon Wunder bewirken! Ziel des Projekts ist es, häufig stark belastete Angehörige zeitliche Freiräume zum Durchatmen zu bieten und ohne dass dabei die Betreuung und Unterstützung der Senioren vernachlässigt wird“, führte Michaela Labudda aus.
„Also für beide Seiten ein Zugewinn?!“, resümierte Balaguer. „Genau!“, bekräfigte Labudda: „Eigentlich schenken sich beide eine Stunde Zeit. Uns ist es wichtig, dass zuhause sein nicht bedeutet, keine Kontakte zu haben, sondern dass man auch im Alter vital am Leben teilhaben kann. Wir vermitteln Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, mit Senioren, die sich über Unterstützung und Begleitung freuen.“ Balaguer: „Sie übernehmen also eine Brückenfunktion?“ Labudda entgegnete, dass die Brückenbauerfunktion Aufgabe der gesamten Projektgemeinschaft ist: „Es handelt sich bei unserem Projekt um ein neues Angebot in Königsborn, das die katholische Kirche gemeinsam mit den Quartiersmanagern, dem Seniorenbeauftragten Robin Rengers, der Quartiersentwicklerin und der evangelischen Kirchengemeinde ins Leben gerufen hat. Unterstützt wird das Projekt durch das Erzbistum Paderborn und der Stiftung der katholischen Kirchengemeinde. Wichtig sind für uns auch Netzwerkpartner, die z. B. durch die Erfahrung mit Öffentlichkeitsarbeit einen wichtigen Beitrag zum Projekt leisten“, führte Labudda weiter aus.
Aus dem Publikum zeigte sich eine Zuhörerin interessiert: Ob man für die Teilnahme an dem Projekt Vorerfahrungen haben müsse. Labudda verneinte und erklärte: „Wir organisieren für alle Interessierten eine Schulung, in der sie wesentliche Dinge, wie z. B. den Umgang mit Altersdepression und das Thema „persönliche Grenzen ziehen“ erlernen. Wir fühlen uns für die Beteiligten verantwortlich und deshalb ist es wichtig, Ehrenamtliche zu qualifizieren, damit sie sich sicher fühlen und selbst mit unerwarteten Situationen besser umgehen können.“
„Heute Abend hat sich gezeigt, welche Herausforderungen, aber besonders welche Chancen damit verbunden sind, Königsborn alters- und altengerecht zu gestalten“, schloss Balaguer den unterhaltsamen, aber auch diskussionsfreudigen Abend aus der Reihe der Wohnzimmergespräche.
Weitere Infos & Kontakte:
Linda Brümmer, Quartiersentwicklerin „Altengerechte Quartiere.NRW“, Tel.: 02303 / 7732533 | E-Mail: linda.bruemmer@stadt-unna.de | Sprechzeiten im Quartiersbüro, Berliner Allee 28a, 59425 Unna: mittwochs 13.30 bis 15.00 Uhr
Das Projekt „Altengerechte Quartiere.NRW“ wird neben Königsborn Süd-Ost auch in der Gartenvorstadt durchgeführt. Frau Brümmer ist deshalb auch im Stadtteilzentrum Süd, Erlenweg 10, 59423 Unna, zu erreichen unter: 02303 / 9869113
„Zeitschenker – Gemeinsam gegen Einsamkeit“ | Nähere Informationen erhalten Sie bei Nicola Nawrath, Tel. 0177 / 9125463, E-Mail: zeitschenker@kirche-unna.de | Weitere Infos unter www.kirche-unna.de/ehrenamt/